Der Weg führt von der Wilhelmshöher Allee die leichte Anhöhe hinunter, die dem einst hier verlaufenden Bach geschuldet ist, bevor das Dritte Reich dort den Verwaltungsklotz des
IX. Armeekorps errichtete. Schon der erste Blick offenbart einen bisweilen ironischen, auf jeden Fall raffinierten Akzent, der das neue Entrée des Bundessozialgerichts in Kassel bereichert. Mit ihrer diagonalen Sichtbeziehung unterläuft die Skulptur der Bildhauerin Gabriele Obermaier die strenge axiale Ausrichtung der Anlage. Alle markanten Grundkörper der Architektur sind im Weichen Haus verkleinert, gestaucht, gedehnt und gedrückt. Gabriele Obermaier erreicht diese weiche, ja haptische Anmutung durch einen Zwischenschritt: Der Formung der Skulptur in Filz, bevor sie in Aluminiumguss entsteht. Das Weiche Haus ist ein nachträgliches Modell der Architektur, das deren bauliche Strategien dekonstruiert. Im näher kommen wird diese formale und inhaltliche Spannung zwischen Skulptur und Gebäude immer sichtbarer.

 

Sandsteingewände, Lisenen und militärischer Zierrat, im Süden ein Ehrenhof mit Pfeilerkollonaden, an der Ostseite ein monumentaler Pfeilerportikus mit Rossebändigern und mehrläufiger Eingangstreppe: Die Nationalsozialisten inszenierten die Anlage als Pseudo-Tempel. Eine Baugestaltung, die durch Überdimensionierung einschüchtern will und einen übermenschlichen Machtanspruch behauptet. Ein aus derartigen politischen Intentionen entstandenes Gebäude in demokratische Verwendung zu transferieren ist eine Herausforderung. Die nun abgeschlossene Sanierung begegnet ihr, in dem ein ellipsoider Baukörper im quadratischen Innenhof den großen Verhandlungssaal gleich einer Schatulle der Rechtsstaatlichkeit aufnimmt. Er ist über den neu geschaffenen Haupteingang durch die Pfleilerkollonaden erreichbar.

Jetzt wird nicht mehr zum Pseudo-Tempel hinaufgestiegen, sondern der Staatsbürger steht der richterlichen Staatsgewalt zuerst auf Augenhöhe gegenüber, bevor er oder sie hinunterschreitet zum neuen Haupteingang. Vorbei am Weichen Haus, das jedoch die frühere Eingangssituation in Erinnerung ruft: Die Skulptur wendet den Besuchenden signifikant den Portikus zu. Das kann als Kritik der Sanierung gelesen werden, die von der Geschichte des Gebäudes ablenkt, oder im Gegenteil, als Geste, die gerade die Neuausrichtung und demokratische Nutzung betont. Diese Mehrdeutigkeit ist es, die die Inszenierung des unnahbaren Führerstaats sichtbar und damit reflektierbar hält.

 

Um nun den Rückweg anzutreten: Der weite, parkartige, Vorplatz ist ein Zufall im wahrsten Sinne des Wortes. Eigentlich sollte diese Grünfläche wie die spätbarocke Wilhelmshöher Allee unter einer brachial verbreiterten nationalsozialistischen Prunkstraße begraben werden. Von dieser Stelle aus zeigt sich die souverän gesetzte Proportion der Skulptur: Sie ist dem menschlichen Maß verpflichtet, von dem aus die Maßlosigkeit des Machtstaates umso deutlicher erkennbar wird. Das Weiche Haus ist ein plastischer Hinweis auf das, was im demokratischen Rechtsstaat schlicht und trocken Verhältnismäßigkeit der Mittel heißt.

 

Ralf Homann