Debatten über die politische Dimension der Kunst werden immer dann laut, wenn die Weltlage aus den Fugen gerät und Konflikte dominieren. Auch an Künstlerinnen und Künstler wird dann die Erwartung herangetragen, sich eindeutig zu positionieren. Aber liegt der Wert von Kunst wirklich in einem Statement oder nicht vielmehr darin, dass sie durch ihre Gestaltungskraft und Ästhetik die Menschen auf ganz unterschiedlichen Wahrnehmungs- und Sinnesebenen anspricht, berührt und damit Erfahrungsräume öffnet?

 

Die in bisher drei Variationen verwirklichte Arbeit HOP von Gabriele Obermaier ist komplex. Sie variiert in ihrer gattungsspezifischen Einordnung und spricht verschiedene Bedeutungsebenen an. Je nachdem zu welchem Zeitpunkt die Aufmerksamkeit auf den künstlerischen Prozess fällt. Ausgangspunkt ist dabei stets eine weiße, rechteckige Wandfläche, die beim Betrachtenden unweigerlich die Assoziation eines Bildträgers weckt, der auf eine „Bespielung“ wartet.

 

Schritt 1 besteht darin, dass die Künstlerin nach Absprache mit ihren Mitakteuren (HOP 2021 Atelierhaus Baumstraße mit Künstlerkollegen; HOP Munich 1+2, 2022 mit zufälligen Passanten) verschiedene Punkte auf dieser leeren Fläche festlegt, die – Schritt 2 – nach Anweisungen der Mitspieler und nach einem Dialog über kompositorische Kriterien mit Gummiseilen verknüpft werden. Auf diese Weise entstehen einzelne Linien, die sich im fortschreitenden Prozess zu geometrisch abstrakten Formen verdichten und sukzessive die ästhetische Qualität einer Zeichnung annehmen.  Die Künstlerin spricht von einem „flexiblen Relief“.

 

Schritt 3: die Gummiseile werden gekappt und die Spannung entlädt sich mit einem knallenden Geräusch. Die Seile schnalzen zurück, formen für wenige Augenblicke gebogene, runde Linien. Die vorher klare und aus Geraden bestehende zeichnerische Struktur mündet kurzzeitig in ein schlangenartiges Gekringel und Gekräusel, bevor die zur Ruhe gekommenen Gummiseile senkrecht herabhängen und wieder eine gerade, lineare Form annehmen.

 

In einem 4. Schritt werden die Seile entfernt, es bleibt zurück die weiße, leere Wand mit punktförmigen Löchern. Bereit für die nächste Aktion, bereit zur nächsten Bespielung, für das nächste Relief. Die Arbeit HOP weist demnach performativ-aktionistische, grafische und skulpturale Merkmale auf. Die Transformation ist die Konstante, gekennzeichnet durch chaotische und ordnende Phasen, dem Wechsel von Kontrolle und Zufall.

 

Bei den Aktionen HOP Munich 1 und 2, die im Herbst 2022 am Sendlinger-Tor-Platz stattgefunden haben, kommt die Dimension des öffentlichen Raumes hinzu, die bei HOP im geschlossenen Atelierraum noch keine Rolle gespielt hat. Zum einen waren die an der Aktion im Atelierhaus an der Baumstraße beteiligten Menschen miteinander künstlerisch-freundschaftlich verbunden und die Aktion markierte sozusagen, fast mit einer erzählerischen Komponente versehen, den Endpunkt und die bewusst gesetzte Auflösung des gemeinschaftlichen Schaffens und Wirkens. Im öffentlichen Raum waren die an der Aktion Beteiligten zufällige Passanten, künstlerische Laien. Zum anderen schreibt sich die Wand-Installation in einer belebten, vom Konsum geprägten Fußgängerzone temporär aber unübersehbar als Intervention in das örtliche Umfeld und als Irritation in die Seh- und zielgerichteten Gehgewohnheiten der Passanten ein.

 

Die Platzierung der rechteckigen Wand quer zum Torbogen, dessen Ziegelquader im Kontrast und in Wechselbeziehung mit der Bepflasterung und der klassizistischen, durch Horizontalen und Vertikalen gegliederten Mauerstrukturierung der Gebäudefassaden im Hintergrund stehen, war allein wegen des architektonisch formalen Reizes klug gewählt. Attraktiv sind die poetisch anmutenden, vom wechselnden Tageslicht beeinflussten Schattenprojektionen auf der weißen Wand, die das vom Wind sanft bewegte Laubwerk umliegender Bäume hervorbringt. Die Schattenbilder sind als kurze Momentaufnahmen gut dokumentiert in einer Fotoserie. Zum anderen war im Freien nun die Möglichkeit geschaffen, dass die quer zur Laufrichtung der Menschen gestellte Wand nicht nur eine Vorder-, sondern auch eine einsehbare Rückseite besitzt. Eine Hierarchisierung findet dabei nicht statt, beide Ansichten sind möglich: der Blick auf die Rückseite, zeitweise mit den handelnden Personen, ebenso wie der Blick auf die Vorderseite mit dem Resultat ihrer Handlung. Die Mehransichtigkeit hebt den Gegensatz von Vorder- und Rückseite auf und die Wand wird zur monolithischen Skulptur, eingebunden in ein urbanes Umfeld. Die vor Ort entstandenen Filme und Fotos sind interessant, weil sie die Reaktionen der Passanten einfangen. Ein kleiner Junge ist es, der besonders im Gedächtnis bleibt, weil er aufmerksam beide Seiten betrachtet, mehrmals die Blickrichtung, seinen Standpunkt, seine Perspektive ändert und der ganz offensichtlich den Zusammenhang zwischen Handlung und Wirkung ergründen möchte.

 

Auch auf inhaltlicher Ebene erweist sich HOP als mehrdeutiges, vielschichtiges Kunstwerk mit assoziativen Anknüpfungspunkten an individuelle und gesellschaftliche Themen, die nahtlos ineinander übergehen. Privates Leben und öffentliche Angelegenheiten sind untrennbar miteinander verknüpft. HOP ist die abstrakte, künstlerische Umsetzung der Idee, wie sich Lebenslinien einzelner Menschen situativ zu Formen der Gemeinschaft verbinden können. Die Arbeit von Gabriele Obermaier visualisiert Beziehungen, die Individuen miteinander eingehen und die enden, ja gekappt werden können. Immer wieder neu anfangen ist Programm. HOP ist eine Aufforderung zur aktiven Gestaltung, ein Appell, am „Erscheinungsbild“ der Wirklichkeit mitzuwirken und die Verbindungen zwischen den Menschen als Keimzelle des Politischen zu begreifen. Eine Aufforderung, das individuelle wie auch das gesellschaftliche Leben zu gestalten, aus der Passivität herauszutreten und zum Akteur der Wirklichkeit zu werden. Immer eingedenk des Eingebundenseins in die Gemeinschaft, in die Welt. HOP (engl. für hüpfen, springen) ermöglicht die Erfahrung, dass Entscheidungen und Handlungen − ob allein oder in der Gruppe getroffen und ausgeführt− von Bedeutung sind und Wirkung zeigen.

 

In schwierigen Zeiten ist das ein hoffnungsvolles, ja, ein politisches, der lähmenden Ohnmacht und Resignation entgegenwirkendes starkes Zeichen.

 

Judith Bader, im Januar 2026